Up-Hus Idyll, Rückseite der Speisekarte

68.12: Gastritik: Das Up-Hus in Neuruppin ist für mich ein Siebensterne-Restaurant á la Qype #qype-Rezensionen

Up-Hus Idyll, Rückseite der Speisekarte

Up-Hus Idyll, Rückseite der Speisekarte

Das Wort Gastritik ist soeben weltweit neueingeführt worden. Es ist ein Kofferwort, zusammengesetzt aus dem Wort „Gastronomie“ und dem Wort „Kritik“ und erinnert an Gastritis. Frühere Vorversionen sprachen noch von Gastrokritik. Zusammengezogen war es jetzt höchste Zeit für eine weitere Straffung der Begriffe: Gastritik entspricht insofern voll und ganz allen zugänglichen Zeichen der Zeit.

„Das Up-Hus wurde 1694 erbaut. Es diente als vorübergehende Unterkunft für Familien, die unverschuldet in Armut geraten waren…. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Zeit bei uns. André und Dana Koch sowie unser Team.“ (Quelle: Speisekarte, Seite 1)

Ob ich mir nun für die Zukunft vornehme, nur noch solche Kritiken als „Duftmarken“  zu verfassen, die mit fünf Sternen vom „Club der Gerechten“ Zeugnis reden? Vornehm, ein Emblem erster Güte: Tue Gutes und iss! Warum nicht?

Up-Hus: Ausriss aus der Speisekarte "Fisch"

Up-Hus: Ausriss aus der Speisekarte „Fisch“

Die Schlechten werden gefunden durch alle Anderen, insoweit gibt es gastronomisch einen deutschlandweiten „Club der Gerächten“. Ich will nur die Guten laut tuten.

Zurück zum „Up-Hus-Idyll“. Ich habe qype (jetzt: yelp) geschrieben, dass es nicht in Ordnung ist, dieses Restaurant nur aufzufinden, wenn man genau – exakt – diese Schreibweise weiß. Das ist gegen den ordentlichen, aber regelmäßig zu lobenden Hörensagen-Faktor. Haste gehört? Nö, wat denn? Das *nuschelnuschel* Uphuishotelrestauranthofgartenkapelleidyll. Wat? – Man muss den Platz definitiv auch finden, wenn man „uphus“ eingibt. So richtig energetisch wird die Suche erst phonetisch. Ja, nee, is klar. Oder? Doch das ist hier der #fail

Hotel, Restaurant, Hofgarten, Kapelle: Dieses Haus ist ein Restaurant, im Übrigen unter anderem auch und zwar was für eins, mit großem Ausrufezeichen! Oder gleich mit mehreren! Nämlich nicht nur Hotel. Sondern auch Restaurant, das ist der nächste #fail. Also ist auch und sogar die Kategorisierung zu überprüfen. Das Restaurant ist wirklich Spitzenklasse, ich habe in dieser Gegend noch nirgends besser gesessen, besser gegessen. Ich sag euch eins, macht einen Trip, dorthin, es ist ein echter Geheimtipp. Trapp, trapp, sagte der Trapper und Trip, Trip der Neuruppiner, Schlawiner.

Es liegt mitten im Hof, down by the Katzensteinpflaster. Am besten ist die Begrüßung: Das Uphus sei „Restaurant im ältesten Fachwerkhaus Neuruppins“ (grünes Schild auf sandfarbenem, frischen Fassadenanstrich). Überhaupt ist hier alles frisch gestrichen und wo nötig, geputztverklinkert, großartiges Ambiente. Von den Wänden dräuen kletternde Wandberankungen. Wir sitzen draußen hier im Sommer, das Gestühl ist nicht Geschmeiß, sondern solide Bolide. Unsere Bedienung ist eine unglaubliche, eloquente, witzige Tolle mit langem, blondem Zopf, nach hinten gebunden. Sie versteht jede noch so kleine, witzige Wendung, obwohl man von einem ungelassenen Standpunkt aus natürlich in Frage stellen kann, ob das angebracht ist? Denn Spaß haben nur die Anderen, nicht das Personal. Oder doch etwa auch das Personal? Wahrscheinlich. Sonst wäre es nicht so gut für uns gelaufen, gut gelaufen, Herr von Stauffen.

Das Siechenheim hatte eine Kapelle, auf deren roten Klinker wir schauen, während wir die Speisekarte vom Tage verdauen. Es gibt allerhand Gerichte. Ich habe keinen sonderlich großen Hunger. Eine Vorspeise, dann eine Hauptspeise, mehr wäre „Völlerei“ heute Abend. Deswegen tendiere ich dazu, zwei Vorspeisen zu nehmen, denn eine von zweien ist für mich so unverzichtbar, dass ich nicht „nein“ sagen kann.

Up-Hus: Hofansicht

Up-Hus: Hofansicht

Im Hof hängen auch Blumenkörbe, ein paar Sitzplätze sind überdacht und hinten steht ein alter Steinofen. Das Publikum ist international, merke ich noch bevor unser Essen kommt.

Am Nachbartisch bekommt sie einen Fisch und das sieht so großartig aus, dass ich mich als „Gewohnheitspaparazzi“ vorstelle und darum bitte, ihr Essen verpixeln zu dürfen. Das soll „ins Internet“, sage ich. Die Gruppe, zu der sie dort am Tisch mit vieren gehört, ist aus der Schweiz. Gegen Fotografieren der Speisen keine Einwände. Auf jedem Tisch stehen Töpfe mit irgendetwas Kaktusartigem als Deko.

Ich bekomme „Joghurt-Rauchforellenterrine an Biosalat“ (7,50 €) und „Gebratene Hähnchenleber in einer grünen Pfeffersauce und einer Püréenocke“ (6,90 €). Zweites ist bei mir erste Priorität. Ich bestelle, es gleich nach zweitem essen zu wollen, also umgekehrt. Jeder Höhepunkt braucht seinen Platz und ich ahne, Hähnchenleber wird so was wie ein gastrolukullischer Klimax heute Abend. Ich soll übrigens Recht behalten. Ich trinke Bier zu meinem Höhepunkt dazu.

Die Karte kommt insgesamt handgeschrieben daher. Sie ist von unschnörkeliger, ordentlicher, gewogener Handschrift, handgeschöpft wie auf Büttenpapier und Häuptling „Der Den Füller Schwingt“ ist von Herzensbildung umringt. Sie ist um zu schreiben im Zentrum ihrer Mitte, ausgewogen, ausgetobt und ohne selbstverliebte Schlenker wie diese hier, kurz gesagt dem Gaste dienend, ohne Angebieder. Alles gut lesbar, typographisch erste Sahne, kannste lesen, macht Hunger und dem Cineasten erscheinen die Schilderung plasten. Also plastisch, cineastisch und das Kopfkino macht „Uhhh“, ohne zu sehr zu schwelgen. Das Lesen macht Hunger und die Sprache ist nicht eschauffiert oder von blümeranter Übertreibungen durchdrungen. Die hier das Haus führen, haben Ahnung und mindestens zwei Hände pro Gastroperson. Ich irre mich nicht, weiß ich hinterher.

Wenn zwei sich einen Restaurantbesuch teilen, spricht man beim zweiten bereits vom Mitesser. Gewöhnlich geht der Mann nicht gern alleine schnabulieren. In manchen Restaurants gibt´s Nieren. Meine Mitesserin denkt mit und isst: Sie bestellt sich „Zippelsförder Bachsaibling mit Mandelbutter, Kartoffeln und Salat“ (14,50 €). Dazu einen roten Wohlgeratenen. Die Karte rauf und runter, besticht am drunter aufgeführten „gebackenen Störfilet“ ein „geschmolzenes Tomaten-Olivengemüse an Kräuterdrillingen“. Dass dieses vom Stör hinaufrutscht, geradewegs auf den Teller vom Zippelsförder Bachsaibling, macht Reduktion der tellerartigen Portionsgrößen erforderlich, die immer Grenzen sind, so wie wir Größengrenzen verstehen. Portionen wie diese muss man zusammennähen.

Die Position „und Salat“ reduziert auf weniger und hinzu gesellt sich von dieser Art Tomaten- und Olivensalsa, degustiationshalber, nur mal so zum Kosten. Kostet hinterher nichts extra. Man kann versuchen, ohne gleich abkassiert zu werden. Zusatzpunkt für die neue, deutsche Bescheidenheit. Und dass dem Gast was bleibt: eine gute Erinnerung.

Hach, mein Dank für diesen ganzen Abend ist eine schmachtende Lobhudelei auf diesen kurzweiligen Platz mit liebenswerter Ausstrahlung, großartigem Essen und einer totalen Erinnerung an etwas Außergewöhnliches. Die Rechnung konnte man bezahlen. Dies alles hier und ohne jegliche Übertreibung, übrigens.

Wir sitzen nicht drinnen, sondern draußen. Das ist dem Wetter geschuldet. Auf dem „Gang nach Canossa“ (zur Toilette) bekomme ich einen Hauch Interieur mit, die „Gaststube“. Die „Innereien dieses gastronomischen Walfisches“ sind wirklich atemberaubend. Soll das am Ende ein ganz und gar pittoresker Platz sein? Ich ahne, ja. Auf dem Gang zum Klo ist ein Herzchen in die grünlackierte Tür geschnitzt, während ich, glücklich über meine Entdeckung, saumseligen Gedanken nachhänge. Ich fotografiere mal die Klos, denke ich und nein, dann denke ich, lieber nicht. Alles super hier.

Orgiastische Hähnchenleber

Orgiastische Hähnchenleber

Ich muss noch zu meinem Höhepunkt kommen und diesen beschreiben: Die Hähnchenleber ist wirklich der Höhepunkt meiner gastronomischen Erlebnisse hier in dieser Gegend rund um Neuruppin. Sie ist eingebettet wie eingelegt in eine braunfarbene, wie rotweinartige, sämige Sauce mit kleinen, dezenten, nicht zu stark auftragenden, grünen Pfefferkörnern, die „den Hauch des Todes“ in sich tragen, eines lustvollen eben. Zwiebeln sind hinein verwirkt. Über alles ist eine sahneartig, schaumig Blasen blubbernde, warme, milchfarbene Creme, eher milchig gewirkter Sahnesoße gegossen. Dieses gibt im Mund ein fein ziseliertes Zusammenspiel von Würze (braun) und Sanftheit (weiß). Darunter ist die Hähnchenleber angerichtet. Ach, gäbe es wohl den Beruf des Hähnchenlebersommeliere, ich würde gern einer werden. Die im Baumarkt für die Fliesenkleber, ich bevorzuge Hähnchenleber.

Ich gebe hier und heute diesem Abend vor ein paar Tagen in der übrigens sehenswerten Altstadt von Neuruppin Höchstpunkt- und Sternzahl und empfehle jedem Wegelagernden, sich bei Gelegenheit des Besuchs in Neuruppin das „Up-Hus“ anzusehen. Für mich ein Siebensterne-Restaurant. Das sagt schon was. Selten bin ich durch und durch eindeutig, so wie heute. Dafür meinen Glückwunsch, nein besser meinen Dank. Auch an die tolle Bedienung.

Ergänzende Bildergalerie (01.14)