44.12: Gastrokritik: Im „The Sixties Diner“ in der Zehlendorfer Welle habe ich das Haar in der Suppe gesucht, mit Erfolg!

Collage "The Sixties Diner" Berlin-Zehlendorf

Collage „The Sixties Diner“ Berlin-Zehlendorf

Mich hätte wirklich niemand dort hineinbekommen und auch nicht mit Gewalt, außer diejenigen, denen ich das zutraue. Sie verschleppten mich als jugendliche Pubertätsgängbäng in diese wohl kultig sein sollende Speisegaststätte mit vermeintlich amerikanischem Gesamttouch.

Die Haare habe ich mir nicht gegelt, Haarspray war zufällig aus und meine Nietenjeans sind schon in die Jahre gekommen. Darüber sind an allen einzusehenden Umrandungsmauern der Gaststätte mit kühner Glasfassade Schauspieler, Sänger und Celebrities zu sehen. Wow.

The Sixties Diner, Zehlendorfer Welle, Raucherlounge

The Sixties Diner, Zehlendorfer Welle, Raucherlounge

Wenn man einen Platz so richtig grottenschlecht findet, ist man nicht weit weg vom Fremdschämen. Wie gelang man hier nur hin? Vom Fremdschämen entbunden sind diejenigen der Gäste, die Haare in jeder gastronomischen Bewertungssuppe finden und sich auskotzen wie Pferde vor fremden Apotheken. Obwohl Pferde gar nicht kotzen können. Die Haare vom Fremdschämen in der eigenen Suppe, die nennt man zutreffenderweise die Fremd-Schamhaare. Oder die eigenen, die man sich angeschämt hat. #Gastronomie-Grundwissen, 1. Lehrjahr

Wir waren zu sieben Personen dort, überwiegend noch nicht volljährig, um genauer zu sein. Und so scheint mir dort auch das Publikum. Es gibt etliche darunter, die vielleicht gerade mal oder höchstens 18 Jahre alt sind. Einer der Kellner ist so ein ganz schicker, muskulöser Ami mit Rastaman-Frisur, wirklich ein beeindruckender Typ. Jemand an unserem Tisch sagte mir was von, das sei „ihr Lieblingskellner“, na bitte. Haare hat er und quatschen kann er auch. So ein bisschen wie mit Kaugummi im Mund.

Das Essen kann sich echt sehen lassen. Das finde ich viel besser als erwartet. Mehrere unserer Hierhergekommenen sind Vollblutvegetarier und für die gibt es so riesen „Veggieburger“, siehste, fleischlos in Seattle, pardon, Zehlendorf. Ich bin schlaflos bei Rippchen, genauer „Rips“, ein Riesenbrett ist das, es bedeckt etwas mehr als die Hälfte des Tellers und wurde vermutlich mit einer großen Kettensäge aus dem Rindskind heraus gesägt. Drüber ist Sauce gekippt, smokey, juicy, ein bisschen honey – rare & delicious, oder so ähnlich.

Außensitzbereich "The Sixties Diner"

Außensitzbereich „The Sixties Diner“

Pommes frites gibt es hier nicht, es sind Kartoffelspalten. Dazu ein großes Ablagefeld von einem Viertel des Tellers mit frischem, knackigen Salat. Alles irgendwie üppig, die Kellnerin ist nicht schnüppisch, sondern sexy, sieht gut aus, ein Glanzstück von einem Mädel, ich find sie super durch und durch. Sie hat einen winzig kleinen Schmuckstein oberhalb der Oberlippe in die Kauleistenabdeckung (Wange) eingearbeitet, da hab ich mich sofort rein verguckt.

Ich bin Gastronomiekritiker, also muss ich den Fehler im System finden. Wenn das hier so kitschig ist, noch kitschiger als ein Münchener Hofbräuhaus in Berlin-Mitte, nämlich amistylish, überseeisch, wie ein Panoptikum oder ein Abziehbild eines irrealen Amerika, muss es mir doch gelingen, das „Schwein im System“ zu finden, damit ich das alles entlarven und vor die Öffentlichkeit zerren kann.

Hamburger mit Jalapenos

Hamburger mit Jalapenos

Nein, ich finde den Haken nicht, die Öse. Als ich mich endlich überwinden kann, sie über den Bereich ihrer Dienstvorschrift hinaus anzusprechen, bin ich auch irgendwie erleichtert. Endlich kann ich etwas kritisieren. Es ist die stets offenstehende Glastür zum mit Durchsichtglas abgeteilten Raucherbereich, der so blitzblank poliert ist, als das mir die juvenile Raucherin am Nebentisch mit ihrer dämlichen Zigarettenkippe doch zu bedrohlich nahe kommt. Sie sitzt zweimeterfuffizg von mir weg, hinter einer abschirmenden Glasscheibe im Raucherbereich. Sie hält die Kippe immer so mit zu spitzen, schnippisch eingebildeten Fingern von sich weg Richtung Gastroraumdecke. Da qualmt der Docht. Mich bedroht die fünfmeterzwanzig weit weg stehende, immer geöffnete Tür.

Spare Rips, Kartoffelspalten, Salat ...üppig!

Spare Rips, Kartoffelspalten, Salat …üppig!

Klar, sie, die Hübscheste aller Bedienkräfte dort, muss da ständig reinwiehern und raus schlawenzeln und achtet da nicht mehr drauf. Und der Rauch zieht rüber in den Nichtraucherbereich. Alle an meinem Tisch finden, ich spinne. Doch sie, die allerhübscheste von Allen, meine Service-Bedienkraft sagt nur schüchtern und mit einem devoten Augenaufschlag: „Ach, das stimmt, das liegt an mich, ich bin irgendwie unkonzentriert, es ist mein Fehler.“ Spätestens hier möchte ich sie knutschen.

Was ich übrigens dann lieber nicht getan habe.

Wanddetail "The Sixties Diner"

Wanddetail „The Sixties Diner“

Fazit: Ein ganz tolles Systemrestaurant, das mich komplett eingefangen hat. Ich mag es und ich hasste eingangs die Vorstellung, dort rein zu müssen. Es ist ein ganz großartiger Laden! Alle Achtung.

Linklotse

(EP)

2 Gedanken zu „44.12: Gastrokritik: Im „The Sixties Diner“ in der Zehlendorfer Welle habe ich das Haar in der Suppe gesucht, mit Erfolg!

  1. Der Kommentar ist ja lustig. Hat denn der Kritiker nicht gelesen, dass das Fotografieren zu komerziellen Zwecken nur mit Genehmigung der Geschäftsleitung gestattet ist? Ich glaube nicht. Na dann weiterhin viel Spass und Erholung ohne Zigarettendampf im Sixties Clayallee 328 in Berlin. E.R.