329/17: Let Them Eat ‚Currywurst mit Pommes‘ – An der Ecke bei Wulle! Die Nr. 1 aller Imbisswagen auf der Residenzstr., Reinickendorf

Let Them Eat: #CurrywurstmitPommes

Hier an der Ecke ist Reinickendorf pur. Das Straßeneck Residenzstr./Ecke Stargardtstr. ist eine Kiezrepräsentativum. Es steht (und fällt) für eine Gegend, in der wir uns heute hier befinden.

Hier steht einer der in Berlin weniger werdenden Imbisswagen mit Interessenschwerpunkt Curry mit Pommes und „Wollen se ne Wurscht?“. Ich bin wie ein geölter Blitz im Tagesgeschäft unterwegs, aber natürlich bemerke ich auch in mir ständig eine Art Wander- und Orientierungsbewegung. Ich frage mich, wo das alles noch enden soll mit dem fliegenden Wurstgeschäft? Vielleicht sterben die am Ende aus, weil Essen wie dieses keine Zukunft hat? Es wird überall Gemüsedöner geben und Vegetarisch-Arisches (mit strengem Herkunftsnachweis). Mit Zurückverfolgungsgarantie bis in die Generation Vorfahr der Rüben, Ranunken und Steckapfelgemüsen. Aber ich suche mein Glück.

Currywurst mit Pommes, das ist inzwischen so besonders und daher der Erwähnung wert, wie die typische Berliner Eckstampe, die Kneipe mit dem Kindl-Logo vornedran, wo man noch rauchen darf. Nicht dass es einen sonderlich da hinzieht. Die meisten Menschen gehen inzwischen an Kneipen vorbei. Nur Musiker nicht. Der eingeübteste Musikerwitz aller Zeiten lautet: Gehen zwei Musiker an einer Kneipe vorbei. – Schenkelklopfer.

Straßenecke Residenzstr. (Quelle: Google Street View)

Straßenecke Residenzstr. (Quelle: Google Street View)

Der Imbisswagen stand früher direkt an der Gebäudekante von Wulle (Berliner Volksmund für „Woolworth“). Aktuell ist er rechts neben dem Straßenschild Sackgasse positioniert. Vielleicht weil im Zeitpunkt der fotografischen Bestandsaufnahme durch Google Pflasterarbeiten stattfanden? Oder wurde nur die Hoffnung auf gutes Essen hier begraben?

An der Residenzstr. in Reinickendorf als Durchzugsmagistrale Richtung Süden ist das hervorstechendste Merkmal, dass die Gegenfahrbahn Richtung Norden zeigt. Ansonsten ist hier in der Nähe vom Schäfersee, einem Tümpel Wasser, der als Naherholungsgebiet gilt, die Straße hauptsächlich geradeplaniert. Nur die Gesichter der Menschen sind wettergegerbt und niemand denkt negativ über den Flughafen Tegel, der dem Reinickendorfer beachtliche Fluglärmaufkommen garantiert. Wenn das mal wegfällt, 2039 wenn der Großfluchhafen fertig ist, wird diese Ecke Reinickendorf ein beschaulicher, betulicher Ort der Kontemplation. Den Reinickendorfern wird was fehlen. Dann gibt es vielleicht Elektroflugzeuge, die surren wie Windräder, aber die fliegen über Schönefeld auf und davon, zu Reisezielen, die sich Reinickendorfer nicht leisten können.

Wulle, Woolworth, das Resteposten-Kaufhaus, hier an der Ecke, sieht hier wie heute ähnlich aus. Es gab mal eine Zeit, da wurden die Straßenfassaden dieset Einkaufstempel irgendwo in England als silbrige Kunststoff-Vorhangfassaden festgelegt. Im Schatten von Wulle steht hier an der Ecke der Imbisswagen Nr. 1 der Residenzstr., und das heißt schließlich was: Hier die Nr. 1 zu sein, heißt im Grunde genommen, es gibt keinen Zweiten.

Zwei Personen Bedienpersonal, eine Frau, ein Mann, der Mann etwas dicklich, mit ausufernden Tätowierungen an den Armen, die sich herunterziehen wie ein Kettenhemd aus Stacheldraht. Der Wagen ist sauber, relativ neu und gut aufgeräumt, die Belichtung gutfunktionierend. Freundlich, hell, aber mit einem leichtsäuerlichen Fettgeruch vom Braten von Wurst, Buletten und Thüringer Rostbratwurst mit Senf. Die Pommes werden hinten gemacht, auf der Rückseite des Wagens, da ist vermutlich auch der Wrasenabzug.

Erst sind da zwei um die fuffzich, die hier um 12:30 Uhr Frühstück holen. „Gib mir mal zwei Flaschn Bier.“ Ihr Hund hat eine Bandage und humpelt, aber schäkert mit dem Kampfhund einer Sie, die an uns vorüberzieht. Die beiden Fuffziger sind höflich und nett von einer entwaffnenden, einfachen Art, und hätten sie nichts gesagt, hätte man sich nicht getraut sie anzusprechen. Sie sehen aus, als explodierten sie aus nichtigem Anlass, würdest Du sie ansprechen. Böse böse.

Vor mir ist eine Frau um die fünfundsechzig dran (geschätzt), ich rate, sie hat einen frühjugoslawischen Migrationshintergrund und lebt nun im fünfunddreißigsten oder vierzigsten Jahr in Berlin-Reinickendorf, Deutschland, ihr Vater war vielleicht Gastrojugo und hat Räuberplatte, Duvjec-Reis und Csardasteller mit scharfen Zwiebeln serviert. Bzw. ihr Mann Branko, der schon seit Jahren tot ist. Man weiß es nicht so genau.

Für mich heißt sie Llubjiana oder Soljanka oder ähnlich. Sie stellt das Mittagsmenü zusammen. Drei Currywürste sollen es sein, gar nicht wenig. Endlich hat sie ihr Menü im Kopf zusammengestellt und geht an den Bestellvorgang. Auszug aus dem Dialog mit dem Bratmaxen, der generationenlos jeden duzt:

Wat willst Du?
Ich möchte drei Currywürste. Und eine halbe Portion Pommes.
Wat willst Du?
Drei Currywürste und eine halbe Portion Pommes.
Dit ham wa nich. Hier jibt et bloß janze Portionen.
Dann nehm ich ohne Pommes.
Na siehste, jerrrnnnn.

Ich wollte mich gleich einmischen, so in der Art: „Sach ma, Freundchen, kannste keene Prozentrechnung?“ – aber das verkneife ich mir. Hier an der Ecke ist der Kunde nicht König und eine Portion Pommes so unteilbar, wie vierzig Jahre lang Berlin geteilt war. Niemand hat geglaubt, das werde sich nochmal ändern. Warum der dicke, tätowierte Mann sich nicht einlässt: „Keine Experimente.“ Ich versteh es nicht. Was die Wurst angeht, hätte ich ja verstanden: Zwei ne halbe Wurst und eineinhalb Pommes. Vor allem aus rechnerischen Gründen. Die Digitalkasse hat diese Portionen nicht als Eventualitäten hinterlegt. Dieses „jeeerrrrnnnn“ blieb mir im Gedächtnis. Wie man ein „gern“ sagt und eigentlich das Leben nur zum Kotzen ist. Aber bitte jern!

Hier ist vieles vorkonfektioniert, das merke ich erst später.

Während die jugoslawische Vorherdrangewesene um die Ecke auf den Resopaltisch zieht, um dort drei Würste ohne halbe Portion Pommes zu essen, bin ich nun dran.

Ich habe nach Lage der Dinge warengruppenfrei die Anschlussbestellung bei der Frau abgegeben, das macht nichts, weil sie die Warengruppen wieder zurechtrückt. Ich nehme zwei Curry, haben se ooch Zwiebeln? Ach so, haben se, dann nehm ich Zwiebeln dazu und Pommes, nehm ich, mit Mayo. Aber machen se viel Mayo rauf.“ Und sie so blitzartig: „Also, wollen se eine extra zubuchen?“ Und ich so perplex: „Ja, genau, sie meinen, doppelt Mayo?“ und wie als hätte ich es gewusst, wird das berechnet, einmal Mayo plus, das hat eine Warengruppe-Taste auf der Kasse. Einen Moment überlege ich allen Ernstes noch, ob ich das Spiel der Vorkundin mit jugoslawischem Hintergrund nachäffe und mir einen Scherz leiste: „Ach, wissen se, ich habs mir überlegt, doppelt Mayo, das ist eine Idee zuviel des Guten, geben se mir nur eineinhalb.“ Doch das verkneife ich mir. – Klar ist aber am Ende: Auch für zwei Currywurst und ein Pommes gibt es eine Warengruppe, eine Portionsabrechnungstaste. Damit nichts falsch läuft. Da hat einer nachgedacht, Portionen unabänderlich konfektioniert.

Kurz bevor ich bezahle, sehe ich, dass der dicke Wurstverkäufer mit den Unterarmen jetzt einen Pappkarton mit der Aufschrift Asia Box in der Hand hält. Er hat gerade keine Kundschaft. Er hat sich offenbar von schräg gegenüber eine Asiabox mit Nudeln gekauft. Der letzte Gedanke von mir ist schadenfroh: Der isst tatsächlich lieber von schräg gegenüber. – In mir bleiben diese Ereignisse hier an dieser Ecke hängen, kleben, wie Küchenfettgeruch: Diese Berliner Schnauze, dieses Menschen über den Mund fahren und sie in ihre Schranken zurechtweisen: Eine halbe Portion Pommes? Dieter Hallervorden hat es vor Jahrzehnten bereits ganz klar gemacht: Wenn se Flasche dabei haben? – Der Plan ist nun klar: Den Imbisswagen gibt es auf Yelp nicht, ich werde ihn anlegen.

Joseph Beuys schuf die berühmte Fettecke, die eine Putzfrau in der Kunstausstellung für Dreck hielt und wegmachte. Die Weltkultur nahm ihren Schaden.

Hier an der Ecke ist sie wieder aufgetaucht.

Ich werde da nicht mehr hingehen.

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