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297/16: Schwoofen jehn: Am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg

button_Gastritik (auf yelp: Beitrag des Tages vom 03.07.16)

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Jazzkonzert an einem unüblichen Ort: Im Gasthaus Leonhardt findet ein kleines Jazzkonzert statt. Beobachtungen…

Man tut dem Stuttgarter Platz Unrecht, indem man ihn auf Erinnerungen reduziert. War hier früher eine der Rotlichtmeilen Berlins, scheint dieselbe inzwischen weitgehend verdrängt. Rotlicht noch im Hinterzimmer. An der Straßenfront zur Windscheidstr. hin ist das Ambiente groß- und bildungsbürgerlich und man sagt den Vorbeiflanierenden, soweit sie Anwohner sind, tatsächlich ein gesichertes Realeinkommen nach. Norbert ist so einer. Er hat sich im Gasthaus Leonhardt niedergelassen, um am Abend noch einen Wein zu trinken.

Im Leonhardt findet am Samstagabend ein Jazzkonzert im kleinen Rahmen statt. Das ist an diesem Ort ungewöhnlich. Gewöhnlich ist die Rolle der Jazzmusik an und für sich. Helge Schneider hat das ambivalente Leben des Jazzmusikers in dem Film Der frühe Vogel fängt den Wurm hinreichend beschrieben. Tagsüber ist Helge Fischverkäufer und am Abend tritt er im einzigen vorhandenen Jazzclub auf. Es ist ein Zuschauer da und ob er zahlen musste oder gar auf der Gästeliste der Band steht, erfährt man nicht genau. Es tut im Grunde genommen auch nichts zur Sache. Nur dass der einzige Zuschauer immer recht schnell müde ist und einschläft. So geht der Jazz des Lebens.

Gasthaus Leonhard, Windscheidstr., Charlottenburg

Das Gasthaus Leonhardt ist im Gebäudeensemble des über Eck gebauten Hauses Stuttgarter Platz 21 eins von drei Cafés an der Straße mit Außensitzplätzen auf dem Platz. Viele Menschen kommen hier lieber zu Fuß her. Parkplätze sind Mangelware. Oder man fährt feuerrote Motorräder.

Im Gasthaus Leonhardt findet heut ein Feldversuch ähnlicher Art statt. Die neue Berliner Jazzband The Xtraordinary JazzBirds (Link unten) spielt ihr Debütprogramm. Es heißt: The World Will Always Welcome Lovers, das ist eine Zeile aus der Filmmusik zu Casablanca, aus dem Song As Time Goes By. Spiels noch einmal, Sam. Okay, schau mir in die Augen, Kleines. Womit wir beim amerikanischen Traum angelangt sind bei Cole Porter, Frank Sinatra und Co.

Der zu frühe Vogel fängt noch keinen Wurm. Noch wird geangelt. Das ist die Essenz des Tatsächlichen: Das Wetter ist gut, um im Hinterzimmer zu sitzen. Keiner weiß Bescheid. Wie? Ein Konzert? Hier? Das war noch nie. Am Abend zieht ein schönes Lüftchen auf, ein Wind Of Change?

Der Raum hat eine Tür und vorn drauf steht „Privat“. Dort steht nicht „Bitte nicht stören“. Rund 20 Zuschauer finden den Weg und der Abend ist durchaus gelungen. Abgesehen von den Zuschauerzahlen. Mühsam ernährt sich der durch und durch orangefarbene Jazzfalter.

Apropos Zuschauer zahlen: Norbert findet, dass es nicht angehen kann, wenn Gäste hier so nassauern. „Irgend wovon müssen alle leben.“ Genau. – Im Lokal ging das Gerede vom Eintritt zahlen. Was? So viel? Ach ne. Am selben Tag ist Adele in Berlin, Großkonzert-Einsatz. Ihre Eintrittskarten kosten auch über 1.000,- EUR. Etliche Berliner sind auf der Straße, um gegen rechte Politidioten zu demonstrieren. Jazz des Lebens.

„Wir hätten unseren Auftritt mit Adele besser abstimmen müssen,“ meint Schlagzeuger Tommy von den JazzBirds zu Norbert. Ein älteres Pärchen kreuzt den Weg und fragt: „Was? Hier war heute Livemusik?“ Mensch, hätten sie das gewusst. „Wir sind erst heute wiedergekommen, aber wenn wir das wissen, dann kommen wir auch mal dahin. Endlich mal bisschen Livemusik hier. Die ganze Ecke ist hochgastronomisch. Bei gutem Wetter brennt hier am Abend kein einziges Auto. Dafür brennt die Luft. Man macht sich ein bisschen schick, die Kinder dürfen Roller treten oder Skateboard und Mami und Papi mustern kritisch die Vorhängetafeln vor den Lokalen. „Thunfisch mediterran? Schatz?“ – Und gehen zum Asiaten.

Gasthaus Leonhard, Windscheidstr., Charlottenburg

Entdecke die Möglichkeiten: Das Veranstaltungstrompeten im sozialen Netzwerk nützt nicht so viel. Wer ein Smartphone mit Internetanbindung besitzt, bekommt pünktlich am Morgen den Irrsinn seines Tages gemeldet. „Du hast heute 12 Veranstaltungen“ – Und wählt aus, den Tag heute mal ohne solche zu veranstalten.

Es ist hier gar nicht mal so schwer, was Schönes zu unternehmen. Man muss sich nur entscheiden. Livemusik ist tatsächlich nicht häufig in dieser Ecke Charlottengrad, sieht man von ein paar die Straße entlang ziehenden Trompetern aus Rumänien und wandernden Straßenmusikern wie diesen ab.

Irgendwie ist die Zeit eine aus der Retorte.

Bzw. vom CD-Player, Mp3-Laptop. Ein Gast im Leonhardt hat sein iPad vor sich liegen, die Ohrstöpsel drin und guckt zdf-Nachrichten. Nur ja nicht mit dem Kopf jetzt hier, im Hier & Jetzt. Der Schauspieler Ingo Naujoks sitzt am Tisch.

Eines Tages spielen bestimmt auch die JazzBirds nochmal hier, aber dann muss die Werbung besser laufen.

Weiterführend

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