Vegetarische Wurst (Potemkinsches Dorf)

293/16: Einkauf: Die Akzeptanz von Rügenwalder Wurstsalat ist wie die Diktatur des Fleischersatz-Proletariats. #Polemik

Eine virtuelle Wutpolemik

_Banner.Einkaufsverfuehrer

Angst essen Seele. Bei meiner Seele: Auf dieses Ergebnis habe ich redlich gewartet. Es bestätigt: die Industrie lügt den Vegetariern was vor über die Qualität vegetarischer Ersatzprodukte. Was Fleisch nicht besser macht, sondern ad absurdum führt, sich vollvegane Leberwurst zu kaufen. Pfui deibel. Es bleibt dabei: fertig konfektionierte Lebensmittel sind besonders in diesem Marktsegment schlicht bullshit. Oder sehr viel kürzer: Die Akzeptanz von Rügenwalder Wurstsalat ist wie die Diktatur des Fleischersatz-Proletariats. #Resümees

Das hat uns gerade noch gefehlt.

Die Menschheit spaltet sich gerade in den Ballungsräumen der Welt. Einer davon ist das soziale Netzwerk.

„Nazi, Nazi,“ rufen sie oder „Du Leichentierfresser.“ Es wird vereinfacht, nicht mehr zugehört, gegeneinander krakeelt. Dahinter steckt die um sich greifende Vereinsamung im digitalen Orbit.

Und es gibt Attila Hildmann, den Vorzeige-Veganer. Schlank, gut gebaut, erfolgreich mit Kochbüchern und Nahrungsmittelkunde, zeigt Hildmann den Deutschen ihre Essgewohnheiten auf und berät für den totalen Fleisch- und Tierproduktverzicht.

Was Hildmann gut kann? In erster Linie Marketing.

Das ruft die Neider auf den Plan.

„Er fährt Porsche und trägt Schuhe aus Leder,“ finden welche.

Vegetarische Wurst (Potemkinsches Dorf)

Vegetarische Wurst (Potemkinsches Dorf)

Ich sage noch einmal deutlich und weil es mir wichtig ist: Ich halte Attila Hildmann für einen sehr positiven Menschen mit einer sehr guten Ausstrahlung; ich anerkenne sein Bestreben, für den Fleischverzicht aus guten Gründen einzutreten. Wer hier etwas andere herausliest, ist selbst Schuld.

Mich stört das alles nicht. Soll er doch.

Mich stört etwas anderes ganz massiv.

Es ist der totale Verlust der Gemeinsamkeiten und die Verwilderung der Begriffe, Ordnungskategorien und der Möglichkeiten, sich über Sprache gemeinsam anzunähern an ein kleinstes gemeinsames Vielfaches.

Tierindustrie ist doof. Massentierhaltung erst recht. Es fiel mir leicht, für ein Volksbegehren zu unterzeichnen, dass die Beseitigung von staatlichen Förderungen für die Massentierhaltung in Brandenburg zum Gegenstand hat. Ich hasse Massentierhaltung.

Fleisch muss gut und darf nicht so billig sein. Ein zu weites Feld und langweilig, es auch noch aufzuschreiben. Weniger Fleischkonsum: Das ist gut.

Mich stört jetzt gerade sehr, was ich bei der Lebensmittelkette EDEKA erst kürzlich beim Einkauf das erste Mal so richtig vergegenwärtigt habe. Ich stand versehentlich vor einem Regal, das man als die Vegetarier- und Veganerecke bezeichnen könnte.

Ich fand Fleischsalat. Ich fand Lyoner Wurst, es gibt Salami, Grillwürstel und alles mögliche andere, der kleine Unterschied: Es ist teils vegetarisch hergestellt, sagen die Hersteller und teils vollvegan.

Hallo?  Vollklatsche.

Es geht um nicht mehr als um die Rettung der deutschen Sprache. Wurst ist Wurst und bleibt Wurst und mir ist es nicht Wurst, was die Lebensmittelindustrie aus Gründen der Produktplazierung im Supermarkt anpreist. Es stört mich an der Fleischtheke, bei den Konserven und im Frischhaltefach mit nachgewiesener Kühlkette, was sich die Lebensmittelindustrie herausnimmt. Eine Frechheit sondergleichen. Was erlauben EDEKA? (Beispiel) – Oder auf deutsch:

Wir werden verarscht. Sorry.

Mit vielen Menschen kann ich mich inzwischen nicht mehr richtig verstehen, weil viele gar nicht in der Lage sind, ideologiefrei und unverblendet über das kleinste, gemeinsame Vielfache zu diskutieren. Die Ausweichenden argumentieren z.B. so: Hast du schon mal die Fleischproduktkette getestet? Hallo? Oder so: Es ist doch toll, dass die Lebensmittelindustrie Convenience-Produkte als Fleischersatz-Lebensmittel auf den Markt bringt, die es den Ernährungswende willigen Verbrauchern leichter macht, auf Fleischverzicht umzuswitchen. Was für ein leichtfertig oberflächliches Argument.

Fleisch ist Fleisch und bleibt Fleisch.

Alles andere ist nicht Fleisch. Punkt.

„Ich will keine Tiere töten.“

Dann bring dich doch selbst um.

Ein Lebensmittelfaktencheck vom NDR kommt mir dieser Tage gerade recht und ist Stein des Anstoßes für diesen Artikel. Und Attila Hildmann.

Der NDR findet heraus: So genannte Fleischersatz-Lebensmittel sind häufig fetter, haben mehr Kalorien, zu viel Salz und sogar lebensgefährliche Ester-Verbindungen, wie nachzulesen und nachzuschauen ist. Das Ergebnis: Vegetarischer Fleischersatz ist oft ungesund. Brrrrr…..

Schnell wird mir unterstellt, ich redete der Wurst und dem Fleischverzehr das Wort und deswegen sei jeder weitere Satz unredlich. So nicht, Freunde, es geht hier nicht pro Fleischverzehr, sondern contra Lebensmittelindustrie. Das ist der hüpfende Haken, bzw. der springende Punkt. Idealisten und Träumer, aber auch Vollidioten (der Leser ist hier nicht gemeint, iss klar, ne?) lassen sich zu schnell dazu hinreißen, Dinge zu liken bzw. zu mögen, die an und für sich betrachtet schlecht sind. Fleischersatzprodukte sind ein vollkommen falscher Ansatz. Der Vegetarier und auch der Veganer dürfen bitte, wenn sie möchten, Fleischverzicht üben, aber dann zu den gemeinsam bewährten Konditionen der deutschen Sprache. Das bedeutet: Auch in der deutschen Sprache ist der Fleischverzicht schlussendlich vollkommen.

Lebensmittel, die keine Spuren von Fleisch enthalten, dürfen auch nicht so genannt werden. Das ist unlauterer Wettbewerb und „alles Lüge“.

Halten wir also weder Verteufelung noch Stimmungsmache gegen Ernährungsphilosophien fest, sondern vielmehr, und das ist ja oben auch deutlich rausgekommen: Industrielle Convenience-Produkte sind fragwürdig, verlogen bzw. auf verlorenem Posten. Wir lassen uns von denen nicht verarschen. – Es gibt keine Alternative zu einer natürlichen, selbstgesteuerten Nahrungszubereitung mit herkömmlichen, ursprünglichen Produkten bzw. Zutaten. – Er ergibt keinen Sinn, zutatenfremde Clones von Fleischprodukten herzustellen und noch weniger, welche zu kaufen. – Es bleibt beim Gebrauch der bislang bewährten Sprache: Leberwurst ist Leberwurst ist Leberwurst.

Durchgestylte Lebensmittel aus der produzierenden Industrie (z.B. Rügenwalder Mühle) sind Convenience-Fertigprodukte, deren Zusammensetzung ethischen Regeln zu folgen hat. Dass dieser Bereich erst noch Neuland ist, wie für Angela Merkel das Internet, heißt nicht, dass dort nicht auf Jahrhunderte alte Regeln der marktwirtschaftlichen Fairness zurückgegriffen werden könnte. Nennt Ross und Reiter, nennt Zutaten unverschlüsselt und lügt die Leute nicht an, indem ihr ihnen suggeriert, sie lebten gesünder, wenn sie derartige Industrieprodukte kaufen.

Rügenwalder zum NDR auf Nachfragen zum zu hohen Salzgehalt: „Der Salzgehalt wird immer kritisch hinterfragt und optimiert. Salz gleicht den fehlenden Eigengeschmack aus.“

Halten wir als wesentlich fest: Es werden Produkte in Laboren hergestellt, die einen fehlenden Eigengeschmack aufweisen und daher durch Tuning nachgebessert werden müssen. Wie widerlich.

Es gibt in diesem Punkt eine Wahrheit:

Durchgestylte Industrieprodukte sind von schlechterer Qualität als selbst zubereitete Speisen und Getränke aus unbehandelten Originalprodukten.

Lernt kochen.

Lernt Fleischverzicht zu leben, tatsächlich. Es ist erlaubt. Glaubt nicht der Lebensmittelindustrie, glaubt nicht den Supermarktketten. Es wird getürkt, geschönt, verfälscht, gefärbt, gefährdet, und der Kopf wird langsam hohlraumversiegelt.

Attila Hildmann

Jetzt wirbt Attila Hildmann (auch noch) für den Lebensmittelriesen EDEKA. Der macht jetzt eine Kampagne „Go vegan“. Die Absicht dahinter ist eindeutig: Man will die Verbraucher als Kunden gewinnen bzw. an sich binden, die den traditionellen Handelsriesen abhanden kommen.

Leider lässt aber das Sortiment von EDEKA nun wirklich in diesem Punkt zu wünschen übrig. Dass der Vorzeigeveganer Deutschlands nun gerne Wurstsalat aus Plastikbüchsen löffelt, möchten wir nicht glauben. Wir glauben allerdings gern, dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist und an der Supermarktkasse sitzt. Das ist ähnlich hip gedacht wie jüngst der Gedanke, Opa macht zu Weihnachten ein Fass auf, um die Liebsten zu sich zu holen.


EDEKA TV-Spot „Begegnung der veganen Art“

Veröffentlicht am 08.02.2016: „Vegan-Koch Attila Hildmann lässt unseren Sensenmann ganz schön alt aussehen. Glaubt ihr nicht? Schaut selbst. Und wer den Sensenmann noch mehr ärgern will, kommt vorbei und probiert unsere veganen Produkte.“ (EDEKA, Selbstbezichtigung auf YouTube, Zitat)

Hinter der Veganerie von EDEKA steckt keine edle Absicht, natürlich nicht. Es ist ein Konzern, wie jeder andere und „Wir lieben Lebensmittel“ kann man gar nicht flächendeckend für diesen großen Handelsriesen als glaubhaft bezeichnen.

Dass nun Attila Hildmann eingekauft wurde, macht uns misstrauisch und kritisch und es stellt die Glaubwürdigkeit der Antriebsfedern des Vegangurus ernstlich in Frage, denn es handelt sich nicht etwa um einen firmenunabhängigen Beratervertrag für den Verband des Lebensmitteleinzelhandels, dem ein guter Berater wertvolle Tipps für das Anlegen qualitativ hochwertiger Portfolios im vegetarischen/veganen Produktbereich geben müsste. Nein, es ist EDEKA und EDEKA bietet nun einmal das, was ich hier oben einleitend beschrieben habe: in vielfacher Hinsicht industrielle Lebensmittel-Massenware von unterschiedlichen Qualitäten und hier und da auch vollkommen abwegigen Produkt-Neuschöpfungen im wachsenden Markt der Vegetarier und Veganer.

Die deutsche Sprache ist uns nicht Wurst, wenn es um die Bezeichnung von Ersatz- und Convenienceprodukten aus der Fleischsubstitutionsindustrie geht.

Für das aber kann man mit sorgfältigem Nachdenken nur zu einem Fazit kommen: Pfui Deibel. Lernt denken. Bitte.

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