Kirche St. Severin, Deckengemälde

222/14: Gastrokritik: Das Restaurant „Vogelkoje“ in Kampen auf Sylt ist ein Prima-Restaurant. Meine Bewertung im Detail.

button_Gastritik

Kirche St. Severin, Deckengemälde

Kirche St. Severin, Deckengemälde, Keitum (Sylt)

Unbedingt ansehen: Die Kirche St. Severin in Keitum auf Sylt ist eine wunderbare, sehr schöne Kirche, wie gemacht, um dort einen Moment zu verweilen. Auf dem Friedhof an der Kirche liegen u.a. Peter Suhrkamp und Rudolf Augstein, und die beiden hatten Geschmack. Das Logo oben rechts im Bild habe ich nachträglich hinzugefügt, in der ernst gemeinten Absicht, für die Kirche zu werben. Hier noch ein schönes Video.

Ein erstklassiger, lauschiger Platz, den hier kein Mensch erwartet.

Wer´s gut mit Vögeln meint, interessiert sich für die historische Entenfalle („Vogelkoje“), die unmittelbar daneben nach historischen Angaben wiederaufgebaut ist. Dort verfingen sich Erpel und Enterich, weil Lockenten eingesetzt wurden, die die wildziehenden Vogelviecher anlockten. Ein perfider Plan.

Nicht weniger perfide ist die Strenesse der Restaurantbetreiber des gleichnamigen Restaurants „Vogelkoje“.

Bilderserie "Vogelkoje", Kampen (Sylt)

Bilderserie „Vogelkoje“, Kampen (Sylt)

Na klar, man spürt nachdem man gut zu Vögeln gewesen war, Plusquamperfekt, „ein kleines Hüngerchen“, irgendwo in der Magengegend. Und erwartet „Fritten, Pommes, Tinnef und Gedöns“. Um so überraschter nimmt der „random guest“ (ich) hier Platz in einem sehr gemütlich, geschmackvoll eingerichteten Restaurant mit hochgewachsenen, erstklassig geschulten „langen Kerls“ (Obern). Die Bedienung ist freundlich, zuvorkommend. Überall auf den Fensterbänken stehen „klare Nordische“, darunter auch Grappa, hochprozentiges, bspw. von der Marille.

Wir sind auf etwas Einfaches aus, weil wir gegen Abend noch vorhaben, zuzuschlagen, andernorts. „Ich esse auch Labskaus“, entfährt es mir und als nordischer Smutje würde ich ohne Bedenken Krusten kloppen, um die Maden, Motten und Einfluginsekten aus dem hartgewordenen Zwieback zu verschrecken.

Bilderserie "Vogelkoje", Kampen (Sylt)

Bilderserie „Vogelkoje“, Kampen (Sylt)

Von all dem ist in diesem Prima-Restaurant leider nichts zu wollen. Pech gehabt.

Stattdessen gibt es für uns zwei Personen einen Tisch. Drauf kommt nach kurzen Überlegungen etwas locker-flockiges zu schnellen Mittag: Es gibt Spaghetti mit grünen Kräutern und für mich Matjes mit roter Bete. Beides kommt in einer überwältigend schön angemachten „Tellerage“ (sprich: Telleraje, also nicht Entourage) mit feinstem Besteck und weißem Geschirr. Gepflegte Unterhaltung hier. Die Spaghetti sind von einer grünen Farbe, wie man sie nur auf Irlands wildesten Wiesen vermuten würde. Das Pesto ist noch mit einem kleinen Bassin Extra davon zu ergänzen. Ich koste es, und es schmeckt wie selbst gemacht. Deutlich schmeckt man die Pistazien heraus. Sehr prima. Die verwendeten Strauchtomaten geben als Ofensolche einen wilden Farbklecks rot hinzu und sind fein durchgewärmt, gerade bis zu jenem Punkt, vor dem die Außenhaut der Strauchtomate platzt. Tut sie aber nicht. Auf den Punkt.

Bilderserie "Vogelkoje", Kampen (Sylt)

Bilderserie „Vogelkoje“, Kampen (Sylt)

Meinerseits ist Matjes da. Der Matjes ist extra filetiert und portioniert hierhin gelegt auf den Teller, die Rote Bete kommt seitlich drapiert. Wer wildes Durcheinander will, muss selbst Hand anlegen. Ich beginne gerade diese Art von Ordnung zu schätzen, weil die gepaart ist mit meiner gasteigenen Vorstellungswelt davon, dass ich selbst zu entscheiden hätte, ob ich Heringsmansch essen mag oder lieber „auf kultivierte, dicke Hose“ mache. Wofür Sylt ja einiges hergibt.

By the way: Im Extraschälchen kommen die Kräuter-Ofenkartoffeln dazu, geradewegs wie Chips, nicht zu ölig, ein bisschen krossig, sehr lecker, und das ganze Bratkartoffeln zu nennen, ist mir eine Spur zu „hausbacken“. Ich mag die Kartoffeln so wie sind sehr.

Bilderserie "Vogelkoje", Kampen (Sylt)

Bilderserie „Vogelkoje“, Kampen (Sylt)

In den Kleinigkeiten liegt die Würze.

Dazu gibt es Pfeffer- und Salzmühle mit sehr guter Streu- und Mahlqualität, so ein bisschen drübergeraspelt, nicht zu viel, es ist irgendso ein Edel-Fertighersteller, der dies Würzgelump hier liefert.

Das Restaurant ist erstklassig und ein Besuch empfiehlt sich unbedingt. Ich war „wie vonnen Socken“, um es auch umgangssprachlich auf den Tisch zu kotzen. Guten Appentit.

Hier geht´s entlang zur Firmenwebsite des Restaurants…

(Dieser Beitrag erschien auch auf plazaa.de)