Serie "Nuovo Mario", Schmargendorf

221/14: Gastrokritik: Es gibt eine Art „Super-Mario“ in Berlin-Schmargendorf, das „Nuovo Mario“, ein feiner Laden!

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Serie "Nuovo Mario", Schmargendorf

Serie „Nuovo Mario“, Schmargendorf

Im Restaurant NuovoMario in Schmargendorf treffen wir zu zweit zum Mittagessen ein. Stefan hat gesagt, dort können wir gut essen. Das Restaurant liegt wie eine Perle in der Reichenhaller Str. in Schmargendorf. Die Straße ist auf dieser Höhe zwischen der Berkaer Str. und der Reichenhaller Str. wie ein Polygon arrondiert um einen ordentlichen Bürgersteig herum. Fast möchte man meinen, hier würde er abends noch hochgeklappt. Doch das Gefühl trügt. Auf dieser Höhe der Straße ist abends durchaus was los. Eine Reihe ganz exquisiter kleiner und ungewöhnlicher, hübscher Geschäfte langweilt und lümmelt sich dort herum. Spaß.

Wir sind mittags dort um 13 Uhr. Es geht darum, etwas zu Mittag zu essen und einigen Gedanken Fortgang zu geben. An der Tür wird uns aufgehalten von einem sehr gepflegten Kellner. Ungewöhnlich: Man begrüßt uns mit einem persönlichen Handschlag. Wenn das mal nicht die Vorstufe zum noch folgenden Ritterschlag ist, denke ich einen Moment.

Serie "Nuovo Mario", Schmargendorf

Serie „Nuovo Mario“, Schmargendorf

Wir treten in einen riesigen Gastraum mit komplett verglaster Straßenfront ein, es drapieren sich im mittleren von zwei wesentlichen Raumschiffen (großer Saal vorn und rechts, kleinerer Raum zur linken) drei sehr klar gegliederte, perlenschnurartige Tischreihen. Sofort fällt mir die Gesamtkomposition positiv auf. Die vordere Tischreihe steht zum Fenster. Die mittlere hat als Besonderheit auf jedem Tisch (sic!) eine große Schale frischer Früchte stehen (wow!) und die zur Wand zeigende steht vor einer wirklich überwältigenden, überlebensgroßen, einmaligen Wandregalsystemwand aus dunklem Holz. Ich sehe Weine, Weine, Weine, und sonst noch Weine, Weine, Weine, darunter, sagt man wohl, auch feine.

Wohin werden wir uns schnell verziehen, wohin packen wir unsere Gebeine? Wir sind um diese Zeit, ganz merkwürdig, hier fast alleine.

Wir bekommen ein Kerzlein angezündet, eine Schale mit grünen, saftigen, entsteinten Oliven in Knoblauch und mit scharfen Pfefferonen, ein paar Pieker dazu zum Stechfraßverzehr. Eine Salzmühle mit Kristallinsalz steht auf dem Tisch. Die Weinbibliothek (!!) betrachtend, fallen mir zwei gekippte, goldgerahmte, schwere Wandspiegel ins Auge. Hinten rechts sitzt ein Pärchen, sind´s Paul und ist es Clärchen? Sie sind ein Paar. Für den Moment. Einen Moment denke ich an Tafelspitz.

Assoziativ: Es sind die aufgestellten Spitzenservietten aus festem Stoff. Ja, hier isst wohl das Auge mit, obwohl es fest im Kopf des Betrachters verweilt, hungrig sich verzehrend nach edelsten Speisen. Ein magisches Auge entsteht auf meinem Teller: Ich lasse etwas Olivenöl tropfen, dazu Balsamico, ein Stück Weißbrot. So treiben´s auch die Italiener. Spartanisch.

Wir haben uns die Mittagskarte angesehen, es gibt ermäßigt Essen für den beruflich veranlassten Hunger. Die Preise scheinen mir preiswert, der Ober erklärt, am Mittagstisch sind die Portionen nicht so groß, das ließe sich im Preis rechtfertigen. Mal sehen: Am mangelnden Hunger soll´s nicht liegen. Als erstes bekomme ich Vitello Tonnato. Das ist die Vorspeise. Richtig, es ist kein Riesenteller, aber was soll ich bei Preisen um die 12,- EUR und zwei Gängen anderes erwarten? Nichts. Das VT ist kurz gesagt großartig abgeschmeckt, nichts auszusetzen. Drei Kapern für ein Halleluja. Ich mag VT.

Andere mögen V8-Motoren. Ich mag an der Decke Ventilationsrotoren. Ich murmel das erste Mal was von „Der Typ kann kochen.“ Vermutlich stimmt´s. Als nächstes „Fegato“ mit Cipolle, Leber mit Zwiebeln. Zart. Süffisant. Tief im Geschmack, also nicht von einer zu wachsweichen Makulatur, dazu Möhren (bissfest), Broccoli und Thymian-Kartoffeln. Alles exquisit. Ich gehe nahezu jedem Kellner gehörig auf den Docht, indem ich „eine Pfeffermühle bitte, aber eine funktionierende“ hinter der Bestellung herschiebe.

Serie "Nuovo Mario", Schmargendorf

Serie „Nuovo Mario“, Schmargendorf

An diesem kleinen Elchtest scheitern schlechte Restaurants. Dies hier allerdings bringt mir die Pfeffermühle, wie erbeten. Sie funktioniert sogar. Scharfkantig, krümelig, in kleinsten, feinen Bröcknen purzelt das gemahlene Korn aus der Purzelmühle und hinterlässt auf meinem Essen ein pfeffrig wolkenfarbenes Geblüm von frischgemahlener Würze. In mir regt sich Wohlsein. Ich fühle mich gut aufgehoben. Und habe in aller Einsiedlerei in meinen wohligen Gedanken komplett vergessen, was mein Compagnon, der ortskundige Stefan, hier verzehrt hat. Das Essen war bis hierhin ausgezeichnet. Ich spreche davon, das Restaurant als heißen Tipp zu empfehlen.

Die beiden bezahlten Gänge sind an uns vorübergezogen, sie liegen nun in Indien: Am Ende des Ganges heißt uns die Wolllust noch nach passenden Nachspeisen. Ich bin weiß Gott kein Süßmaul. Stefan hingegen lässt sich da nicht lumpen. Er bestellt das italienischste aller Tiramisus. Er sagt, es schmeckt ihm ausgezeichnet. Mir hilft hier nur eine Verlegenheitslösung. Ich habe Lust auf eine gemischtes Früchteallerlei, aber in der Karte um diese Tageszeit nichts passendes gefunden. Die Rolle rückwärts ist „Honigmelone mit Parmerschinken“, das ist aus italienischer Sicht zwar eine Vorspeise, aber egal. Als wir am Ende für zwei Personen zahlen, ist die Rechnung wirklich überschaubar. Gut, wir haben keinen Alkohol getrunken. Ein Wasser gab es und ein Tee wurde getrunken. Man trinkt nicht, bevor die Sonne untergegangen ist.

Serie "Nuovo Mario", Schmargendorf

Serie „Nuovo Mario“, Schmargendorf

Ich stecke mir „am Ende des Ganges“ noch schnell eine Visitenkarte ein und präge, mir den Laden zu merken. Alles sehr stimmig. Sehr nette Mitarbeiter dort. Einer, so ein Querulant störte die Mittagsruhe und das beschauliche Essen. So ein dämlicher Besserwisser. Er beschwert sich gut hörbar bei allen anderen Gästen über die Dauer der Zubereitung von Nudeln für ihn. Der Ober bleibt freundlich gefasst. Der Gast erzählt was von „ich koche selbst“ und das „lasse er sich nicht bieten“ und ich denke: Das ist ja wirklich ein unerträglicher Schnösel.

Das Restaurant liegt in sehr guter Schmargendorf-Lage in einer nicht allzu sehr frequentierten Straße am Platz, da wo der Herr vermutlich bei der Schöpfung eine kurze Gourmetpause eingelegt haben wird. Anders ist dieser Platz eines himmlischen, gastronomischen Friedens nicht zu erklären. Und als wäre das noch nicht genug, verabschieden uns die Herren wieder mit Handschlag. Wir gingen übrigens so, wie wir gekommen waren. Nur glücklicher.

(Dieser Artikel erschien auch auf plazaa.de)

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